Es liegt eine seltsame Schönheit darin, wenn sich ein Feuer über die afrikanische Savanne ausbreitet.
Eine Feuerfront zieht durch das trockene Gras. Rauch steigt in den Himmel. Innerhalb weniger Stunden kann eine zuvor goldene, von hohem Gras bedeckte Landschaft schwarz und nahezu kahl zurückbleiben.
Als Guide habe ich das schon oft erlebt. Und jedes Mal stellt sich mir dieselbe Frage:
Ist das Zerstörung? Oder Teil des natürlichen Kreislaufs der Savanne?
Die Antwort ist nicht ganz so einfach.
Feuer prägt die afrikanischen Graslandschaften seit Jahrtausenden, vielleicht sogar seit Millionen von Jahren. Blitze haben schon immer Brände ausgelöst, besonders während der Trockenzeit. Doch auch der Mensch nutzt Feuer seit Generationen ganz bewusst: um Weideflächen zu verbessern, Vegetation zu entfernen, Tierbewegungen zu beeinflussen und die Landschaft zu gestalten.
Auch heute ist kontrolliertes Brennen in vielen Savannenökosystemen ein wichtiges Mittel des Landschaftsmanagements, unter anderem in Teilen des Serengeti-Mara Ökosystems.
Doch kontrolliertes Feuer ist Segen und Fluch zugleich.
Warum brennen wir Savannen ab?
Es gibt verschiedene Gründe, warum Naturschützer, Nationalparkverwaltungen und lokale Gemeinschaften Grasland gezielt abbrennen.
Ein Grund ist die Entfernung von überständigem Gras: Altem, abgestorbenem Pflanzenmaterial aus vergangenen Wachstumsperioden. Sammelt sich davon zu viel an, kann es den Boden bedecken und das Wachstum neuer Pflanzen behindern.
Feuer kann auch eingesetzt werden, um die Verbuschung einzudämmen. Werden Graslandschaften zu stark beweidet, von Dürren heimgesucht oder gerät ihr natürliches Gleichgewicht aus dem Lot, können sich Gehölze zunehmend in Gebiete ausbreiten, die zuvor von Grasland geprägt waren.
Ein dritter Grund ist die Förderung einer gesunden Grasdecke, die den Boden schützt und Wasser speichert.
Nach einem Brand treiben neue Grashalme aus. Diese jungen Gräser sind oft besonders nährstoffreich und für Grasfresser sehr attraktiv.
Dies ist ein Grund, warum kürzlich abgebrannte Flächen zu Anziehungspunkten für Gnus, Zebras und andere Weidetiere werden können.
Entscheidend ist jedoch, wie, wann und wo das Feuer eingesetzt wird.
Nicht jedes Feuer ist gleich
Drei Faktoren sind entscheidend bei der Frage, ob und wie gebrannt werden soll:
Die Jahreszeit.
Die Menge und der Zustand des zum Verbrennen verfügbaren trockenen Materials.
Und die dort lebenden Tiere. Insbesondere Weidetiere, die sich von frisch austreibenden Trieben ernähren.
Das richtige Timing ist von entscheidender Bedeutung.
Idealerweise wird kontrolliert gebrannt, kurz bevor die ersten Frühlingsregen einsetzen. Dann gibt es noch genügend trockenes Gras, um das Feuer zu tragen, während bald darauf neues Wachstum einsetzt.
Auch der Zustand des Graslands spielt eine Rolle. Eine gesunde Fläche mit dichtem, mehrjährigem Gras reagiert ganz anders als ein bereits degradiertes Gebiet oder eine Region mit sehr geringen Niederschlägen.
Eine ohnehin artenarme Graslandschaft abzubrennen, nur weil sie ausgetrocknet ist, macht sie nicht automatisch gesünder.
Es gibt auch Situationen, in denen man besser auf das Abbrennen verzichtet, etwa bei bereits schlechten Bedingungen, sehr geringen Niederschlägen oder wenn der Zeitpunkt im Verhältnis zu den Regenfällen zu früh oder zu spät gewählt wird.
Mit anderen Worten: Feuer ist ein Werkzeug, kein Allheilmittel, das immer und überall Wirkung zeigt.
Heiss, kalt, schnell und langsam
Auch die Art, wie sich ein Feuer ausbreitet, macht einen Unterschied.
Ein Mitwindfeuer (Head-fire) breitet sich mit dem Wind aus. Es kann sich sehr schnell bewegen und grosse Hitze entwickeln, jedoch hauptsächlich oberhalb der Grashöhe. Da ein Grossteil der Hitze über dem Boden abgeführt wird, kann das Feuer manchmal rasch über mehrjährige Gräser hinwegziehen, ohne die Pflanze unter der Erdoberfläche vollständig abzutöten.
Ein schnell ziehendes Feuer kann jedoch auch gefährlich sein, da es Tiere, oder Menschen, einschliessen kann, die ihm in die Quere kommen.
Ein Gegenfeuer hingegen brennt gegen den Wind. Es breitet sich langsamer aus und brennt in der Regel weniger intensiv, erreicht jedoch direkt am Boden die höchsten Temperaturen. Dadurch wird das Pflanzenmaterial sehr gründlich und vollständig verbrannt.
Daneben gibt es noch kühle Feuer, die meist bei niedrigen Temperaturen und wenig Wind gelegt werden. Sie eignen sich, um vor allem altes Gras zu entfernen und gleichzeitig Schäden an der Vegetation möglichst gering zu halten.
Heisse Feuer, besonders bei hohen Temperaturen und starkem Wind, können deutlich intensiver brennen. Sie können eingesetzt werden, um den Bewuchs mit Gehölzen einzudämmen.
Für jemanden, der direkt neben einem Feuer steht, sind diese Unterschiede vielleicht kaum erkennbar.
Für das Ökosystem können sie jedoch entscheidend sein.
Was passiert mit den Tieren?
An dieser Stelle wird die Geschichte kompliziert.
Ein Zebra kann ein herannahendes Feuer erkennen und fliehen.
Ein Gnu kann ausweichen.
Ein Büffel kann fliehen.
Aber ein Käfer kann nicht einfach in den nächsten Land Cruiser springen und davonfahren.
Genauso wenig eine Schlange, eine Schildkröte, eine Ratte, ein Frosch, eine Spinne oder ein bodenbrütender Vogel.
Manche Tiere retten sich, indem sie den Flammen vorauslaufen. Andere verstecken sich unter der Erde oder in Spalten und überleben so die Hitze. Manche Insekten können davonfliegen.
Andere werden nicht überleben.
Und selbst Tiere, die das Feuer überleben, können Nahrung, Unterschlupf oder geeignete Brutplätze verlieren.
Das lässt sich leicht übersehen, wenn man ein Feuer vom Safari-Fahrzeug aus beobachtet. Unser Blick fällt ganz natürlich auf die grossen Tiere. Wir sehen Gnus, die auf das frische Grün zurückkehren, und vielleicht Raubtiere, die das offene Gelände zu ihrem Vorteil nutzen.
Wir sehen selten, was unter dem Gras vor sich ging.
Möglicherweise wurden Nester zerstört.
Vielleicht wurden sogar Jungtiere getötet.
Eine Insektenpopulation könnte vorübergehend vollständig ausgelöscht worden sein.
Ein kleines Säugetier kann die Flammen überlebt haben, aber alle Vegetation verloren haben, auf die es als Nahrung und Schutz angewiesen war.
Feuer wirkt sich also nicht auf alle Arten gleich aus.
Und doch profitieren manche Tiere enorm davon
Schon wenige Wochen nach einem Brand kann dieselbe Landschaft völlig anders aussehen.
Frische, grüne Triebe spriessen aus dem Boden.
Die Grasfresser kommen an.
Die Insekten kehren zurück.
Vögel folgen.
Raubtiere können die Ansammlung von Beutetieren gezielt nutzen.
Für grosse Pflanzenfresser bieten frisch abgebrannte Flächen genau das, was sie brauchen: kurzes, junges und nährstoffreiches Gras.
Besonders spannend ist das in Ökosystemen wie Serengeti-Mara, wo das Grasen, Niederschläge, Graswachstum und Feuer einander beeinflussen.
Grosse Herden verzehren enorme Mengen an Gras. Dadurch verringern sie auch die Menge an Trockenmaterial, das zum Verbrennen zur Verfügung steht.
Das Feuer beseitigt einen Teil der verbliebenen Vegetation und regt eine neue Wachstumsphase an.
Die Tiere reagieren nicht einfach nur auf die Landschaft.
Sie tragen dazu bei, sie zu gestalten.
Das Feuer und die grosse Tierwanderung
Der Zusammenhang zwischen Feuer und der grossen Gnuwanderung wird manchmal missverstanden.
Die Wanderung findet nicht einfach deshalb statt, weil Menschen das Grasland abbrennen.
Niederschläge, Bodennährstoffe, frischer Pflanzenwuchs und Beweidungsdruck spielen alle eine entscheidende Rolle dabei, wann und wohin die Herden ziehen.
Feuer ist nur ein Teil dieses viel grösseren Zusammenspiels.
Frisch abgebrannte Flächen bieten zwar attraktive Weidegründe, doch die Landschaft als Ganzes braucht eine Vielfalt an Lebensräumen: Kurzes und hohes Gras, Flächen in der Regeneration und Gebiete, die vom Feuer verschont geblieben sind.
Diese Vielfalt ist wichtig, denn die Serengeti-Mara ist nicht nur Lebensraum der Gnus.
Sie bietet Tausenden weiteren Arten einen Lebensraum.
Und was einer Art zugutekommt, kann für eine andere von Nachteil sein.
Das Wichtigste ist vielleicht: „Was man NICHT verbrennen darf“
Das ist einer der Grundsätze eines guten Feuermanagements.
Eine Landschaft muss nicht unbedingt vollständig abgebrannt sein.
Unverbrannte Flächen bieten Tieren Rückzugsorte und erhalten unterschiedliche Vegetationsformen. Werden verschiedene Gebiete zu unterschiedlichen Zeiten abgebrannt, entsteht mit der Zeit ein Mosaik vielfältiger Lebensräume.
Einige Flächen wurden vielleicht erst kürzlich abgebrannt.
Andere sind vielleicht mit hohem Gras bewachsen.
Andere sind vielleicht dicht mit Sträuchern bewachsen.
Andere wiederum sind stark abgeweidet.
Diese Vielfalt ist entscheidend.
Eine völlig einheitliche Landschaft, ob vollständig abgebrannt oder unberührt, bietet oft weniger ökologische Nischen als eine Landschaft mit vielfältigen Bedingungen.
Brandschneisen und Feuerkontrolle
Kontrolliertes Brennen bedeutet auch, die Ausbreitung des Feuers gezielt zu steuern.
Brandschneisen sollen verhindern, dass sich Feuer von einem Gebiet ins nächste ausbreitet. Strassen, Flüsse und gezielt freigehaltene Vegetationsstreifen können dabei als natürliche oder angelegte Barrieren dienen.
Besonders wichtig ist das bei Bränden unter trockenen oder windigen Bedingungen.
Denn sobald ein Feuer zu gross oder zu intensiv wird, verliert es seine Funktion als gezieltes Mittel des Naturschutz- und Parkmanagements.
Es wird zu einem unkontrollierbaren Buschbrand.
Dieser Unterschied kann für Menschen und Wildtiere von grosser Bedeutung sein.
Aber was ist ein „natürliches“ Feuer?
Das ist vielleicht die schwierigste Frage von allen.
Ein Blitzschlag ist zweifellos eine natürliche Brandursache.
Doch Menschen brennen afrikanische Landschaften schon seit Jahrtausenden ganz bewusst ab.
Wenn Menschen also heute ein sorgfältig kontrolliertes Feuer entzünden, ist das dann automatisch unnatürlich?
Vielleicht nicht.
Die entscheidende Frage ist, ob wir einen natürlichen Prozess erhalten, der zu dieser Landschaft gehört, oder ob wir zu stark in ihn eingreifen.
Heutige Schutzgebiete unterscheiden sich stark von den Landschaften vergangener Zeiten. Wildtierbestände haben sich verändert, ebenso die Viehhaltung und menschliche Besiedlung. Manche Gebiete werden heute vor Feuer geschützt, während andere gezielt abgebrannt werden.
Vielleicht gibt es also kein perfektes historisches Bild der Savanne, das wir einfach wiederherstellen können.
Stattdessen geht es im Naturschutz oft darum, das richtige Gleichgewicht zu finden.
Segen und Fluch
Kontrolliertes Feuer kann altes Gras entfernen, neues Wachstum fördern, offene Graslandschaften erhalten, Nährstoffe freisetzen und wertvolle Weideflächen für Grasfresser schaffen.
Es kann aber auch Nester, Insekten, Kleinsäuger und Pflanzen zerstören, auf die andere Arten angewiesen sind.
Der entscheidende Unterschied liegt oft in Zeitpunkt, Häufigkeit, Intensität, Ort und Ausmass.
Ein gezielt zum richtigen Zeitpunkt gelegtes, schwaches Feuer in gesundem Grasland ist etwas völlig anderes als ein intensives Feuer, das durch eine von Dürre gezeichnete Landschaft rast.
Eine kleine, frisch abgebrannte Grasfläche ist nicht mit Tausenden Hektaren vergleichbar, die gleichzeitig in Flammen stehen.
Und ein einmaliger Brand ist etwas anderes, als dieselbe Fläche immer wieder abzubrennen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Feuer ein so faszinierender Teil der afrikanischen Wildnis ist.
Es ist weder einfach nur Zerstörung noch bloss Erneuerung.
Es ist eine der Kräfte, die die Savanne immer wieder neu formen.
Die Flammen mögen innerhalb weniger Stunden verschwinden.
Doch ihre Folgen können Monate oder sogar Jahre nachwirken.
Und irgendwo zwischen dem schwarzen Boden, den zurückkehrenden Insekten, den ersten grünen Trieben und den heranziehenden Tierherden liegt die eigentliche Geschichte des Feuers:
Es geht nicht darum, ob Feuer gut oder schlecht ist, sondern darum, zu verstehen, wann es gebraucht wird, wohin es gehört und was wir dabei verlieren könnten.